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Auszug - Hilfen für straffällige junge Menschen  

Jugendhilfeausschuss
TOP: Ö 7
Gremium: Jugendhilfeausschuss Beschlussart: zur Kenntnis genommen
Datum: Di, 26.10.2010 Status: öffentlich
Zeit: 17:00 - 20:00 Anlass: Sitzung
Raum: Kantinenraum
Ort: Burgstr. 1, 31224 Peine
 
Wortprotokoll

Herr Fechner berichtet einleitend von seinen Erfahrungen als Schöffe des Jugendgerichts einer nahe gelegenen größeren Stadt

 

 

 

Herr Fechner berichtet einleitend von seinen Erfahrungen als Schöffe des Jugendgerichts einer nahe gelegenen größeren Stadt. Das betreffende Gericht hat wiederholt trotz entsprechender Indikation nur deshalb keinen Arrest ausgesprochen, weil keine Räumlichkeiten und Betreuungszeiten zur Verfügung standen. Bei der Urteilsfindung war die Jugendgerichtshilfe regelmäßig nicht beteiligt. In den Einrichtungen, in denen straffällig gewordene Jugendliche untergebracht werden, fehlt es trotz Kosten von 3.000 - 6.000 Euro monatlich an wirksamen pädagogischen Konzepten. Herr Fechner fragt, ob seine Erfahrungen auch auf Peiner Verhältnisse übertragbar sind.

 

Frau Heuer als Sachgebietsleiterin der Jugendgerichtshilfe des Jugendamtes des Landkreises Peine stellt zunächst Frau Schaper-Greve von der LABORA gGmbH, die später noch über die Arbeit der LABORA im Bereich der Jugendgerichtshilfe berichten wird, und Frau Lerch, zuständige Richterin am Amtsgericht Peine, sowie die beiden MitarbeiterInnen des Jugendamtes Peine in der Jugendgerichtshilfe, Frau Hartmann und Herrn Weisensee, vor.

 

In ihrer Präsentation geht Frau Heuer auf die rechtlichen Grundlagen der Jugendgerichtshilfe, auf jugendtypische Delikte und deren erzieherische Sanktionsmöglichkeiten, auf Kostenträger und Zuständigkeiten, auf die konkrete Situation im Landkreis Peine und die Wirkung der Sanktionsmaßnahmen ein, bevor sie das Resümee zieht, dass nicht Strafen, sondern vielmehr pädagogische und verhaltenstherapeutische Angebote dazu führen, straffällige junge Menschen in die Gesellschaft zu integrieren, indem ihnen soziale Kompetenzen vermittelt und mit ihnen Zukunftsperspektiven entwickelt werden.

 

Im Wesentlichen wird auf die beigefügte Präsentation über die Hilfen für straffällige junge Menschen verwiesen.

 

In der folgenden regen Diskussion beantwortet Frau Lerch Fragen aus dem Kreis der Ausschussmitglieder und beschreibt ihre Erfahrungen aus der Gerichtspraxis wie folgt:

 

  • Bei den straffälligen Jugendlichen überwiegen die männlichen Straftäter. Allerdings ist die Qualität der Delikte bei den wenigen weiblichen Straffälligen unverhältnismäßig höher.

 

  • Es gibt keine jugendtypischen Delikte. Alles, was Erwachsene tun, kommt auch bei Jugendlichen vor; sie sind lediglich leichter provozierbar.

 

  • Die Rückfallquote im Verhältnis zur Härte der Sanktion kann nicht absolut gesehen werden. Hier muss man zwischen der Qualität der Straftaten und der Persönlichkeit der Menschen unterscheiden. Straftatbeständen bei Menschen mit einer hohen kriminellen Energie kann nicht wirksam mit geringen Strafen begegnet werden, während Gelegenheitstäter mit geringer krimineller Energie bereits durch geringe Strafen für die Zukunft abgeschreckt werden können.

 

  • Erziehung funktioniert nur durch konsequentes Grenzen setzen.

 

  • In Peine gibt es eine sehr gute Vernetzungsstruktur. Hier gilt es, ein Lob an die Jugendgerichtshilfe in Peine auszusprechen.

 

  • Die Justiz muss schneller, nicht härter werden; dazu fehlt Personal.

 

  • Zwischen Anklageerhebung und Prozess vergeht bis zu einem Jahr. Auch zwischen Urteilsverkündung und Strafantritt kann bis zu einem Jahr vergehen.

 

  • Die Straftatsanfälligkeit bei Jugendlichen scheint ein Bildungsproblem zu sein, da hauptsächlich Hauptschulabgänger und Jugendliche mit ähnlichem Bildungsniveau auffällig werden. Daher scheinen Präventionsmaßnahmen im Bereich Bildung unumgänglich.

 

Abschließend spricht Frau Lerch dem Jugendhilfeausschuss ihren ganz besonderen Dank dafür aus, dass er sich vor einigen Jahren von dem Konzept des Anti-Aggressivitäts-Trainings (AAT) überzeugen ließ und diese Maßnahme als förderungsfähig anerkannt hat. Dieses Training ist gedacht für sehr brutale Straffällige, wird sehr eng geführt und ist entsprechend teuer. Aber es gibt unter denjenigen, die das Training absolviert haben, kaum Wiederholungstäter, und allein deshalb lohnt sich der Aufwand.

 

Frau Schaper-Greve beschreibt in ihrer Präsentation die Arbeit der Einrichtung LABORA gGmbH mit straffällig gewordenen Jugendlichen am Konzept, an statistischen Erhebungen und Beispielen im Rahmen der dort angebotenen Programme „Soziale Trainingskurse“, „Täter-Opfer-Ausgleich“, „Anti-Aggressivitäts-Training“ und „Betreuungszuweisungen“. Insgesamt haben in der Zeit von 1993 bis 2009 mehr als 1.700 junge Menschen die Hilfe von LABORA in Anspruch genommen.

Auf die beigefügte Präsentation wird im Wesentlichen verwiesen.

 

Frau Schaper-Greve appelliert abschließend an den Jugendhilfeausschuss: „Schaffen Sie geeignete Rahmenbedingungen, damit die Jugend eine Perspektive hat, und die Integration gelingt!“

 

Herr Fechner dankt allen Beteiligten für ihre Vorträge und Diskussionsbeiträge und vermutet, dass sich die Verhältnisse im Peiner Land wohl doch von seinen Erfahrungen als Schöffe in einem nahe gelegenen Gerichtsbezirk unterscheiden.